
Also wenn ich, mein lieber Streithahn Markus, über den Koan “Wie hat der Kellerberg geschmeckt, bevor ihn der Mensch gemacht hat” sinniere, erwächst bei mir mitnichten die Vision einer Urform im Sinne Goethes. Ich merke vielmehr, dass es einen Urkellerberg gar nicht geben kann. Der Haken, an dem Terroir aufgehängt ist, kommt in meiner Welt-anschauung nicht vor. Was es gibt, ist meine Vorstellung davon, wie ein Kellerberg “im Grunde genommen” schmeckt und welche Methoden ich für legitim erachte, diesen Geschmack aus dem Weinberg herauszukitzeln. Wohl gemerkt, meine Vorstellung, Idee, Vision, oder wie auch immer man das nennen mag. Aber ich lasse zu, dass es auch andere gibt. Und dies scheint mir der Grund zu sein, warum du mich nicht verstehst. Du suchst nach einer “verbindenden Theorie”, die es vielleicht in den Naturwissenschaften, mit Sicherheit aber in der Kultur nicht geben kann.
Ich habe ein Buch über Terroir geschrieben und nicht ein Buch zum Thema “was passiert bei Heymann – Löwenstein.” Daher habe ich versucht, möglichst allen wichtigen Aspekten gerecht zu werden. Im Widerspuchspaar Michelangelo-Rodin sind die Pichlers mit Sicherheit sehr weit bei Rodin und wir bei Michelangelo. Gerade deshalb habe ich ihn ja als Beispiel gewählt.
Der Kellerberg ist für Dich kein Terroirwein, da dir bei ihm das Urbildhaft-Typische und die Transparenz fehlen. Fangen wir mir dem Urbild an. Im letzten Beitrag schreibst du, jeder Winzer sollte seinem eigenen Urbild folgen. (…Was allerdings mit Goethe wiederum nichts tun tun hat… aber warum bringst du ihn dann ins Spiel? … jetzt mal egal… ). Und wenn der Kellerberg dem Urbild entspricht, welches die Pichlers von ihm haben? Und, bitteschön, wo lügt der Wein? Wo fehlt es an Transparenz? Haben die Pichlers jemals gesagt, sie würden keine Botrytizide spät spritzen (was du unterstellst – ich weiß nicht, ob dem so ist)? Du bist beeindruckt, aber nicht berührt. Na und? Das sind viele Menschen von Bachs “Kunst der Fuge” auch. Aber ist sie deshalb keine Kunst – und nur die emotional tief berührende h-Moll-Messe darf mitspielen? Mal ganz abgesehen davon, dass wir Menschen einmal unterschiedlich drauf und anderseits lernfähig sind, d.h. uns von Weinen verzaubern lassen können, die wir vor einiger Zeit noch abstoßend fanden.
Du kannst meine Arbeit am Begriff nicht erkennen, da er bei mir weiter gefasst ist als bei dir und ich jedem Beteiligten im ideologischen Überbau und bei der Auswahl der tools mehr Freiräume zubillige aus du. Und dort, wo ich enger werde, nämlich bei der Frage nach der Emanzipation (meine Kritik an Steiner, Goethe etc. ) habe ich aus deiner Sicht ein falsches Feindbild.
Es fällt mir schwer, mich nicht zu wiederholen, aber ich versuche es noch einmal:
Bleiben wir bei den Wolken. Die eine heißt food design. In ihr Segeln ehrliche Industrielle, die den Stand der Technik nutzen, um ein wie auch immer designtes und wo auch immer preislich angesiedeltes Produkt herzustellen und zu vermarkten. Und dann driften hier Betrüger, die ihre in Fankensteinlabors gut oder schlecht gemachten Weine im Marketing durch Vorgaukeln von Kultur, von Öko, Heimat, Nachhaltigkeit etc. verticken.
Die andere Wolke heißt Terroir. Hier segeln diejenigen, für die Menschen-liebe, Nachhaltigkeit und Heimat keine Marketingstrategien sind, sondern ernsthafte Aspekte ihrer Weltanschauung, die in der Produktion umgesetzt werden. Sie leben und lieben Transparenz und ermöglichen dem Trinker daher einen Genuss ohne Reue: Sowohl ein bewusstes Geniessen, als auch ein sich Fallen lassen ohne ernüchterndes Erwachen.
Nun ist die Realität aber nicht schwarz und weiß sondern ein Kompromiss. Die Wolken wandern ineinander. Manchmal so, dass fruchtbarer Regen entsteht, und manchmal so, dass es Zoff gibt und Zeus ein paar böse Blitze werfen muss.
Wer verlässt wo den Pfad der Tugend? Was ist schlimmer, spät gegen Botrytis zu spritzen oder den Wein in eine CO2-Bilanz-schädliche aber besonders schöne und schwere Flasche ab zu füllen? 4 kg Round up oder 100 Liter Dieselkraftstoff pro Hektar? Aromatisieren eines Weins mit Holzfässern oder teilweise Entsäuern im Betonei? Sich auf Steiner, einen alttestamantalischen Gott oder auf die modere Naturwissenschaft zu beziehen? Kannst du wiklich glauben, hier eine Liste aufzustellen? Bentonit ist Terroir, Reinzuchthefe ist keins?
Wenn ich die Qualität deiner Kritik am FXKellerberg verallgemeinere, wäre der Begriff Terroir hinfällig, da es keine Weine mehr gäbe, die deinen Kriterien standhalten würden.
Zweck meines Buches war es, die Rahmenbedingungen der heutigen Weinszene darzustellen um den Leser anhand der gegeben Infos zu animieren, sich eine eigene Meinung zu bilden. Meine Meinung zum Kellerberg ist klar: Er ist ein Terroirwein, da er für mich in der Schnittmenge der beiden Wolken eindeutig im Terroirbereich zu Hause ist.
“Es kann doch nicht angehen, dass jeder sich sein eigenes System von Terroir aufbaut. Hauptsache es hängt noch irgendwie mit dem Weinberg zusammen, ist menschen-freundlich, kulturbeseelt und transparent. Das reicht nicht. Gerade in der Krise brauchen die Menschen Halt und klare Regeln” sagt Apollon im Epilog meines Buches. So etwas kann naturgemäß ein Gott der Logik nicht aushalten. Deshalb halte ich es mehr mit Dionysos, dem Gott der gelebten Widersprüche, dem Gott des Weins.
Mit dionysischen Grüßen, Reinhard